„Wir sehen alle denselben Mond“

– Vom steinigen Weg, der zum Glück führte –

Waldniel (sp). Biggi Mestmäcker hat ein großes Herz und obendrein außerordentlich viel Energie. Als sie im Sommer 2015 entschied, sich im Asylkreis Schwalmtal ehrenamtlich für Flüchtlinge zu engagieren, ahnte sie noch nicht, dass ihre aufregenden Erlebnisse sogar in einem Buch gipfeln werden. „Ich hatte anfangs noch nicht mal die Idee, ein Buch zu schreiben“, erinnert sich die Waldnielerin, „aber ich brauchte einfach ein Ablassventil: Bis zum Juni 2016 hatte ich ein wahres Bad voller Emotionen durchlebt, und noch immer wirkte Vieles nach – Wut, Liebe, Freude, Angst und schließlich riesige Erleichterung.“

So begann sie aus ihren privaten Tagebuchaufzeichnungen nach und nach ihre authentische Geschichte zu entwickelten. Darin begleitete sie den Mann, der in ihrem Buch Elias heißt, bei seinem verzweifelten Versuch, seine Familie aus Syrien nach zu holen. Schließlich führte der unfassbar steinige Weg zu einem glücklichen Erfolg, woran Mestmäcker selbst einen entscheidenden Anteil hatte. Vom ersten Kennenlernen bis zu jenem Tag am Flughafen habe sie alles aufgeschrieben. Wenn sie ihre Geschichte zuvor erzählte, seien Münder offen stehen geblieben. „Und viele haben mich ermuntert, meine Erlebnisse unbedingt literarisch zu veröffentlichen.“

So schildert Mestmäcker in ihrem Buch unter anderem eindrucksvoll, wie sie Elias bei dem von ihr mit initiieren Kochprojekt des Asylkreises Schwalmtal („Über den Tellerrand kochen“) kennen gelernt hatte. Sogleich habe sie seine sehr ruhige, vor allem aber einsatzfreudige Art besonders zu schätzen gewusst. „Am 3. Juli 2015 hatte Elias seine Familie verlassen und sich auf den lebensgefährlichen Weg nach Europa gemacht“, schildert sie, „seiner Frau und seinem Sohn wollte er die lebensgefährliche Reise nicht zumuten.“ Bei seiner Abreise hatte er versprochen, sie wenige Monate danach nachzuholen.

In ihrem Buch beschreibt die Waldnielerin bewegend, wie viel Kraft Elias brauchte, um sein schmerzliches Vermissen auszuhalten. Er habe sogar überlegt, wieder zu seiner Familie nach Syrien zurück zu gehen, um nicht weiter um sie bangen und ihre ungewisse Zukunft ertragen zu müssen. Und Mestmäcker fühlte mit. „Immer wieder neue Bombenangriffe in Syrien und sehr widrige Lebensumstände für seine Familie. Das tat weh. Aber nach Syrien zurück zu kehren, das war unmöglich, da viel zu gefährlich“, erinnert sie sich noch heute sehr bewegt.

In „Wir sehen alle denselben Mond“ schildert die Autorin des Asylkreis, wie schließlich alles, nach einer nervenaufreibenden Organisation, ein gutes Ende nahm. So war es ihr, dank ihres tatkräftigen Einsatzes gelungen, Elias‘ Frau und den 10-jährigen Sohn von Damaskus in Syrien über Jakarta in Indonesien nach Deutschland zu bringen und die Familie wieder glücklich zu vereinen. 

Mestmäckers vielschichtiger Bericht präsentiert ein Stück Historie, wirft aber auch wiederholt die Frage auf, warum Deutschland es so schwer mache, den Nachzug berechtigten Familien ein Visum zu ermöglichen. Es gibt jedoch auch eine wesentliche Erkenntnis: Ohne Hilfe sind die Neuankömmlinge hilflos. Sie sind auf Integration angewiesen, die ohne Unterstützung ihrer deutschen Mitmenschen nicht möglich ist. „Wir müssen alle aufeinander zugehen, wenn Integration gelingen soll“, betont Mestmäcker überzeugt.

Es wirkt sogar symbolträchtig, dass „‚Wir sehen alle denselben Mond“ in einer zweisprachigen Version erhältlich ist (deutsch/arabisch) und damit eine wahre Geschichte präsentiert, die, allen Widerständen zum Trotz, zwei Familien zu einer zusammen führte. So ist das Buch von vorne und von hinten beginnend zu lesen, was es nicht leicht gemacht habe, einen Verlag zu finden, so Mestmäcker.

Bei der arabischen Übersetzung wurde die Autorin durch drei junge Syrer unterstützt: Yaman Naal aus Waldniel entwarf die Rohübersetzung und schaffte die Brücke zu dem Waldnieler Zachary Mustafa und dem Viersener Hazem Hadidi. Hadidi lieferte den arabischen Text, Mustafa erarbeitete das Schlusslektorat. „Ich bin sehr zufrieden und ziemlich stolz auf die Leistung der Drei“, sagt Mestmäcker glücklich.

S. Peters

Ich stehe für zeitnahe Berichterstattung – regional stark, kompetent, informativ, mit Herz.

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