Günther Tlotzek – bewegtes Leben

– Serie, Teil 1: Kindheit in Ostpreußen –

Wir schreiben das Jahr 1923. Eine Chronik in Auszügen:

  • In Deutschland wird mit dem von Gustav Radbruch entworfenen Jugendgerichtsgesetz ein gesondertes Jugendstrafrecht eingeführt.

  • Die Regierung Carl Josef Wilhelm Cuno wird gestürzt, Gustav Stresemann wird neuer Reichskanzler und erklärt alsbald das Ende des passiven Widerstandes.
  • In Aachen wird die Rheinische Republik ausgerufen, ein kurzfristiger Versuch der Staatsgründung separatistischer Bewegungen.
  • Adolf Hitler besetzt mit Erich Ludendorff, Hermann Göring und weiteren Nationalsozialisten den Bürgerbräukeller in München, um den Ausbruch der „Nationalen Revolution“ sowie das Absetzen der Reichsregierung der Weimarer Republik zu proklamieren.
  • Hitler und seine Gefolgsleute stürmen die Feldherrnhalle in München – ein Unterfangen, das blutig gestoppt wird: 16 Putschisten sowie vier Polizisten fallen zum Opfer.
  • Zum Jahresende erreichen die bewaffneten Auseinandersetzungen im Zusammenhang mit der Rheinischen Republik im Siebengebirge ihren blutigen Höhepunkt.
  • General Hans von Seeckt verbietet in Deutschland die KPD, die NSDAP und die Deutschvölkische Freiheitspartei.
  • Die Regierung der Rheinischen Republik löst sich in Koblenz auf.

  • Wilhelm Marx, Mitglied der Zentrumspartei, wird Reichskanzler.

Kaldenkirchen (sp). Im Jahr 1923 wurde auch Günther Tlotzek geboren. Er erblickte im ostpreußischen Landkreis Rastenburg das Licht der Welt und wuchs, gemeinsam mit zwei Brüdern, bei seiner Mutter auf. Später kam eine Stiefschwester hinzu. An seinen Vater Hans, der sehr früh verstarb, hat er keine Erinnerungen mehr. „Aus Erzählungen weiß ich, dass mein Vater über 2 Meter groß war, also viel größer als meine Mutter, und sie gerne auch spaßeshalber mal auf einen Schrank setzte, wenn sie gräsig war“, erzählt er schmunzelnd.

„Ich bin bis heute kein Mensch, den man in eine Schublade stecken kann“, versichert er, „ich bin immer sehr hilfsbereit und würde nie jemanden sich selbst überlassen. Und das war auch schon so, als ich noch ein Kind war.“ Während sein älterer Bruder zum Beispiel keine Lust hatte, zum Beheizen der Wohnung Kohlen aus dem Keller zu holen, übernahm er als Dreikäsehoch diese Aufgabe, ohne mit der Wimper zu zucken. „Meine Mutter bedachte mich mit einem „Ach, Jungchen!“ und hatte Tränen in den Augen. Ich auch.“ So eilte er, klein und noch im Vorschulalter, rasch die Treppen hinunter und mühte sich schwitzend, mit einem bis zum Rand gefüllten Eimer, Stufe für Stufe wieder in die Wohnung im zweiten Stock hinauf.

„In diesen Zeiten herrschte viel Chaos auf den Straßen. Mein Opa war Maurer – Polier – und wie viele andere Menschen auch arbeitslos“, schildert er, „direkt neben dem Arbeitsamt war eine Kneipe. Die Leute holten sich ihren Stempel in dem Amt ab und trafen sich danach dort, um sich zu unterhalten.“ Seine Oma habe mit ihm die Kneipe aufgesucht, damit er den Opa hinaus bat, während sie draußen wartete. „Die Zeiten haben sich geändert“, meint Tlotzek, „früher waren die Männer dominanter. Da wirkte es für den Ehemann beschämend, wenn seine Frau die Kneipe betrat und ihn aufforderte, mit nach Hause zu kommen.“ Günther half auch hier. „Jetzt holst Du den Opa da raus!“, trug seine Oma unmissverständlich dem folgsamen Enkel auf. „Mein Opa bat dann die Bedienung, mir eine Tafel Schokolade zu geben und schickte mich wieder auf die Straße.“ Das habe den Unmut der Oma, die draußen vor der Tür wartete, erst recht erweckt: „Du sollst doch den Opa mitbringen!“ Der kleine Günther ließ nicht locker. „Beim nächsten Mal ging ich nicht ohne den Opa aus der Kneipe – Schokolade hin oder her.“

Auch seine Mutter habe er immer wieder erfinderisch unterstützt. Diese habe jeden Monat an einem Kaffeekränzchen im Bekanntenkreis teilgenommen. „Wir wohnten am Stadtrand. Meine Mutter hatte diesmal zu sich nach Hause eingeladen. Die Wege waren nicht befestigt und es sei für die Damen absehbar schwierig, mit ihren hohen Schuhen zu unserem Eingang zu gelangen, so prophezeite sie.“ Flugs habe der pfiffige Günther eine Schaufel ergriffen, den Matsch beiseite geschafft und aus alten Fliesen einen sauberen Weg gebaut. Sodann seien die Damen in der glücklichen Lage gewesen, reinen Schuhwerks das Haus zu erreichen und es ungehindert zu betreten. „Zum Anlass des Kaffeeklatsches gab es Konfekt“, erzählt der 93-Jährige weiter und beginnt spitzbübisch zu grinsen, „zum Dank für die Hilfe hatte ich von meiner Mutter eine Praline bekommen. Ich nutzte zwischenzeitlich aber auch den Umstand, dass unser Wohnzimmer zwei Türen besaß.“ Behände sei er in das Zimmer geflitzt, habe später keck noch weitere Pralinen stibitzt, um flugs durch die zweite Tür ungesehen hinaus zu eilen.

Auf die Frage hin, was den Kaldenkirchener in seiner Kindheit besonders geprägt habe, muss er nicht lange überlegen: „Ich erinnere mich noch genau an eine besonders aufregende Begebenheit: Es war 1933. Ich war gerade 10 Jahre alt und nach Abschluss einer Schulstunde hieß es: Ihr werdet heute Nachmittag auf dem Schulhof von dem Jungvolk übernommen.“ Folgendes sei dem aufgeweckten Knaben sofort aufgefallen: „Man teilte uns als Vorgesetzte denen zu, deren Väter ebenfalls eine höhere Position inne hatten; also solchen Leuten, deren Väter zum Beispiel Ortsgruppenleiter waren oder Ähnliches. Auch deren Kinder wurden dann also in dieser Art eingesetzt, egal ob sie krummbeinig waren oder was auch immer nicht in Ordnung war.“ Alles andere, die politischen Umstände, um die es ging, habe er in seinem zarten Alter noch nicht bewusst mitbekommen.

Als Kind habe er auch sehr viel Zeit bei seinen Großeltern verbracht, von denen er im Laufe der Jahre viel gelernt habe. „Ich habe abgeernteten Kohl gesammelt, Pilze und Beeren, und meine Oma hat Sauerkraut und vieles Anderes selbst gemacht.“

Auch an die Reichskristallnacht im Jahr 1938 erinnert Tlotzek sich. „Die Synagogen brannten. Ich war bei meiner Oma. Mein Opa war bereits verstorben. Wir sahen von Weitem den Rauch.“ Als er in jener Zeit an einer brennenden Synagoge vorbei ging, habe er die wahren Umstände zunächst nicht verstanden. „Die Feuerwehr hat nur die angrenzenden Häuser gelöscht, nicht aber die Synagoge. Viel später erst wurde mir klar, dass die Häuser von außen angezündet worden waren und die Juden daran gehindert wurden, ihre Sachen heraus zu holen.“ Dies erinnert ihn außerdem an die Zeit seiner Konfirmation. „Zu der Zeit als ich konfirmiert wurde, gab es viele Textilgeschäfte. Viele jüdische Händler hatten ihre Läden an „Arier“ abgeben müssen. Ein paar Geschäfte in jüdischer Hand gab es allerdings noch. Polizisten standen nicht direkt abweisend, aber pöbelnd davor, wenn man sie betrat.“ Seine Mutter jedoch habe mit jedem Pfennig rechnen müssen und habe selbst genäht – für sich und für andere, um etwas dazu zu verdienen. „Meine Oma und ich sind dann durch die Hintertür des Geschäfts geschlichen. Ich verstand erst viel später, warum wir das tun mussten. Und so bekamen wir den gewünschten Stoff für meinen Konfirmationsanzug.“

Der pfiffige 93-Jährige sieht versonnen aus dem Fenster und beginnt zu lächeln. „Als ich so elf, zwölf Jahre alt war, hatte ich einen Freund, dessen Eltern mich ebenfalls viel zu Kinderfesten mitgenommen haben. Damals habe ich meinen Freund und seine Mutter auch oft zum Bäcker begleitet. Da gab es dann schon mal leckere Bruchware – wir hatten ja grundsätzlich nicht viel. Und bezahlen musste man damals einmal im Monat – alles zusammen.“ Seine Mutter sei in jener Zeit einmal für drei Tage nicht zu Hause gewesen. „Mein ältester Bruder passte auf uns auf. Wir haben allerdings direkt am ersten Tag die Vorräte für drei Tage aufgegessen“, erinnert er sich. Um nicht hungern zu müssen, habe er bei dem Bäcker nach der günstigen Bruchware gefragt und diese bei der Mutter seines Freundes anschreiben lassen. „Das fiel ihr am Monatsende noch nicht mal auf. Aber ich habe noch viele Jahre lang deswegen ein schlechtes Gewissen gehabt“, betont er ernsthaft.

Fortsetzung folgt.

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Hans und Gertrud Tlotzek (geborene Nossenheim). Foto: privat

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Der kleine Günther (rechts) mit seinen Brüdern Hans (Mitte) und Heinz. Foto: privat

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Günther Tlotzek. Foto: Susanne Peters

S. Peters

Ich stehe für zeitnahe Berichterstattung - regional stark, kompetent, informativ, mit Herz.

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