Von Abschied und Erinnerungen

– 11. Oktober 1986 – ein Tag, den Lobberich nie vergessen wird –

Lobberich (sp). Es war ein kurzer spontaner Aufruf bei Facebook: „Lasst uns an der Kirche St. Sebastian treffen, heute jährt sich der Todestag zum 30. Mal.“ Fatima schrieb auch mich über Facebook an: „Kommst du?“ Ihr Bruder Huse war damals ebenfalls tödlich verunglückt. Ebenso wie seine Freunde Jörg („Joschi“), Marko, Nektarios und Peter. Ich musste nicht lange überlegen; auch ich war persönlich betroffen, setzte mich ins Auto („Bin unterwegs! Bitte schreib‘ Tanja noch an.“) und fuhr los.

Am Samstag, 11. Oktober 1986, passierte einer der schwersten Unfälle in Lobberich – bis heute. Neun Jugendliche, im Alter von 14 bis 17 Jahren, verunglückten bei einem Autounfall, nach dem Besuch der Hinsbecker Diskothek Kneppenhof, auf dem so genannten Grefrather Berg (Schlibeck). Der Fahrer (22), selbst Überlebender, verlor die Kontrolle, der überladene Wagen wickelte sich buchstäblich um einen Baum. Die schreckliche Bilanz: Fünf Tote und vier teils schwer Verletzte.

Ich selbst, damals 16 Jahre alt, war an jenem Abend mit meiner Familie in Dülken gewesen, wir hatten meinen Opa besucht. Bei der Heimkehr, auf der Parallelstraße zwischen Süchteln und Lobberich, sahen wir sehr viel Blaulicht und nahmen nicht enden wollendes Martinshorn wahr. Wir fragten uns: „Mein Gott, was ist da passiert?“

Am nächsten Morgen, während wir beim Frühstück saßen, klingelte es an der Haustür. Ich war noch im Schlafanzug und meine Mutter rief mich. Die Schwester meines Freundes Marko stand dort, mit ihrem Freund. Beide waren schwarz gekleidet. „Du musst jetzt sehr stark sein!“, sagte sie. In diesem Moment wurde mir der Boden unter den Füßen weg gerissen und die Zeit stand für eine ganze Weile still. Nichts war mehr, wie es mal war. Ich machte mich auf, unseren übrigen Freundeskreis zu informieren, klopfte und heulte meine Freundin Tanja, die in nächster Nachbarschaft eine Art kleines Apartment bewohnte, aus dem Schlaf.

„Es war sehr schlimm, ich erinnere mich noch genau“, berichtet auch Hristina, die damals dem später folgenden Gerichtsprozess beiwohnte. „Bei dem Prozess hatte es sehr viel Geschreie und viele Tränen gegeben.“ Joschi war ihr Klassenkamerad gewesen und Nektarios ihr Cousin. Nektarios habe seiner Mutter vor dem Unfall eine in roten Lettern geschriebene Notiz hinterlassen: „Mama, ich bleibe nicht lange weg“. „Meine Tante hat diesen Abschiedsbrief eingerahmt und aufgehängt“, sagt Hristina leise.

Auch Fatima erinnert sich gut: „Fünf der Betroffenen wohnten ja bei uns auf der Straße. Die ganze Eichenstraße schrie in der Unfallnacht.“ Sie brauche gar nicht auf den Kalender zu sehen. Jedes mal wenn sich der Todestag jähre, werde sie automatisch sehr traurig, und es verginge auch kein Tag, an dem sie nicht ohnehin an den schweren Verlust denke.

Der Versuch, die Trauer in unserem jungen Alter zu verarbeiten, trieb skurrile Blüten. Wir schwelgten nicht nur permanent in Erinnerungen, sondern probierten uns auch im Gläser Rücken. Damals war das eben so. Das Wichtigste war, irgendwie mit dem Unglück umzugehen, das Erlebte und die Trauer zu verarbeiten.

Tanja hat ein Fotoalbum mitgebracht. Dort sind Bilder, die wir beide gemeinsam gemacht haben, an einem Abend, als wir fröhlich mit unseren Freunden unterwegs gewesen waren. Auch weitere Fotos, die wir beide von uns gemacht hatten, jung, unbeschwert, verrückt. Es ist seltsam berührend, auf diese Art, aus dem Stand, visuell mit dem Damals konfrontiert zu werden. Ich fühle mich spontan in die 80er zurück katapultiert. Die Bilder von den Jungs besitze ich selbst nicht mehr, für mich gehörte dies zum Loslassen dazu. Jeder verabschiedet sich auf seine persönliche Weise. Ich hatte mir stattdessen ein neues Tagebuch angelegt, eigens für den inneren Dialog und die Bewältigung der Trauer, notierte tagtäglich meine Gedanken und Gefühle.

Auch Axel, einer der Überlebenden des Unfalls, hat sich zu der kleinen Gedenkstunde eingefunden. „Was soll ich sagen? Ich habe so viel zu erzählen“, meint er bedrückt. Ich verstehe, was er meint. Die Erinnerung und das Erleben wirken nach und werden jeden von uns ein Leben lang begleiten.

Gemeinsam zündeten wir alle Kerzen an und legten sie in der Form eines Herzens vor die Kirche, gemeinsames Schweigen und Erinnern. Ein Spruch, der Jahr für Jahr, um diese Zeit, durch die Regionalgruppen bei Facebook geistert, geht mir durch den Sinn:

„Jungs? Wir werden euch nie vergessen!“

Alle Fotos: Susanne Peters

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S. Peters

Ich stehe für zeitnahe Berichterstattung - regional stark, kompetent, informativ, mit Herz.

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