„Kopf hoch und durch!“

– Serie: Eine Kindheit in Ostpreußen, Teil 3 – 

Günther Tlotzek erblickte im Jahr 1923, im ostpreußischen Landkreis Rastenburg das Licht der Welt. Er wuchs, gemeinsam mit zwei Brüdern und einer Halbschwester, bei seiner Mutter auf. Dies ist Teil 3 seiner Kindheitserinnerungen.

Kaldenkirchen (sp). Es war das Jahr 1929. In Deutschland beherrschten Unruhe und Chaos das Bild. Günther Tlotzek lebte zu dieser Zeit am Stadtrand von Rastenburg in Ostpreußen. „Einmal drückte mir meine Mutter die Milchkanne in die Hand, ich sollte Milch holen. Das passende Geld hatte sie in die Kanne gesteckt, damit ich es nicht verlor“, erzählt er. Frohen Mutes habe er sich auf den Weg gemacht, habe er doch für solche Tätigkeiten von seiner Mutter immer etwas extra bekommen.

„Ich war fast am Milchladen angelangt, da wurde ich aufgeschreckt“, erinnert er sich, „eine wilde Meute prügelte sich auf der Straße und es ertönte lautes Geschrei. Kommunisten, Nazis, Stahlhelme und viele andere Parteien gingen aufeinander los, zum Teil mit Knüppeln bewaffnet. Die Polizei versuchte, die Menge auseinander zu treiben. Geschossen haben sie auch, ob gezielt oder nur in die Luft, habe ich nicht mitbekommen. Aber es war sehr beängstigend.“ 

So habe er zur Salzsäule erstarrt auf dem Bürgersteig gestanden und gestaunt, was sich dort Grausliches abspielte. „Eine ältere Frau kam auf mich zugelaufen, packte mich am Arm und zog mich eilig in einen nahegelegenen Hausflur. Sie schloss die Tür auf, bis auf einen Spalt, wo wir das weitere Geschehen auf der Straße beobachten konnten. So hingen unsere Köpfe für eine Weile still über einander.“ Es habe eine geraume Zeit gedauert, bis sich die Meute endlich auflöste, so dass der kleine Günther irgendwann mit schnellen Schritten das Haus verließ, um flugs die bestellte Milch zu kaufen.

„Erst viel später begriff ich, was dort tatsächlich passiert war“, erläutert er, „die Bevölkerung sehnte sich nach Ruhe und wünschte sich eine harte Hand des Staates quasi herbei. Dass auf Ruhe, im wahrsten Sinne des Wortes, Grabesruhe folgte, mit Judenverfolgung, KZ, Krieg und vielen anderen ganz schrecklichen Geschehnissen, hat die Mehrheit der Bevölkerung leider viel zu spät mitbekommen.“ Einigermaßen begreifen, was dort geschehen sei, könne nur jemand, der diese Zeit miterlebt habe, so betont er, „ich habe viele Jahre an Schulen in Nettetal als Zeitzeuge referiert und habe wenigstens versucht, begreiflich zu machen, warum die meisten Bürger das Naziregime tatsächlich zuerst begrüßt haben.“

Im Jahr 1930 beherrschten schließlich zunehmend die Nationalsozialisten das Straßenbild. „In Deutschland war es etwas ruhiger geworden“, erinnert sich der Kaldenkirchener. „An einem Herbsttag besuchte ich mit meinen beiden älteren Brüdern, der eine war zwei, der andere drei Jahre älter, unsere Großeltern am anderen Ende der Stadt.. Bei Oma und Opa war es immer gemütlich“, schildert er verklärt, „außerdem hatten sie für uns Kinder immer ein offenes Ohr und haben auch unsere Sorgen und Nöte ernst genommen.“ Als der Abend anbrach und es dunkel wurde, sei es auch in der Stube umso heimeliger geworden, entsinnt sich Tlotzek lächelnd,“es besaß noch nicht jeder elektrisches Licht; meine Großeltern hatten noch gar keinen Strom. Aber auch für das Befüllen der Petroleumlampen im Haus war nicht billig. Auch dafür musste gespart werden. Es waren anstrengende Zeiten.“

In der großen Stube habe, direkt dem Kamin gegenüber auf der anderen Seite, ein eiserner Kanonenofen gestanden, dessen Abzugsrohr bis zur anderen Seite führte, so dass wenig Wärme verloren ging. „Durch die geöffnete Ofentür sorgten die Flammen mit ihrer alles durchdringenden Wärme, für heimeliges Licht in der Stube“, entsinnt sich der 94-Jährige versonnen, „wir Kinder saßen gerne vor dem Ofen und hörten mit offenen Mündern zu, während Opa spannende Geschichten zum Besten gab. Denn er war der geborene Erzähler. Unsere Oma saß dabei und strickte Socken, Pullover und vieles Anderes. Dafür brauchte sie kein Licht, denn sie musste bei der Handarbeit nicht hinschauen.“

Auf dem Heimweg habe die Dunkelheit jedoch weniger gemütlich gewirkt, dafür ein besonderes Abenteuer bereit gehalten: „Ein Weg führte direkt über den Friedhof, dies war der kürzere. Der andere ging um den Friedhof herum und zog sich sehr in die Länge. Da lag es nahe, dass am Tage der Weg über die akürzende Totenstätte gewählt wurde und bei Dunkelheit der ausgedehnte Weg, der uns Kindern sicherer erschien.“

Der kleine Günther war recht mutig. „Warum gehen wir denn nicht über den Friedhof? Seid ihr feige?“, habe er seine älteren Brüder kess vor dem üblichen Scheideweg gefragt. „Sie wollten sich jedoch nicht auf dieses Spielchen einlassen und forderten mich im Gegenzug heraus: ‚Geh doch alleine, wenn du dich traust!“ So nahm der pfiffige Dreikäsehoch, ohne lange zu überlegen, all seinen Mut zusammen, die Beine in die Hand und rannte so schnell er konnte. „Natürlich hatte ich Angst. Es raschelte, es gab nur spärliches Licht und lange Schatten. Ich glaubte an jeder Ecke Gespenster zu sehen.“ Schließlich jedoch wartete der Kleinste der Drei am anderen Ende des Friedhofs und wollte gelassen wissen: „Was hat denn bei euch so lange gedauert?“

Überhaupt sei es ihm sehr wichtig gewesen, von seinen älteren Brüdern „für voll genommen“ zu werden“, so berichtet Günther schmunzelnd, „ich wollte nicht einfach immer nur verniedlicht „der Kleine“ sein.“ Die zur Schau gestellte Erhabenheit habe ihn stets provoziert und gefordert. „Und meine Antworten darauf haben mich für den Rest meines Lebens geprägt“, ergänzt er lächelnd, „in meinem langen Leben gab es nie eine Situation, in der ich einen Umweg in Kauf genommen habe. Und das hat mir sehr oft geholfen. Anstatt etwas auf die Bank zu schieben, lieber den inneren Schweinehund überwinden und mit Selbstvertrauen die Devise ‚Kopf hoch und durch!‘ leben, anstatt vor irgend etwas zu flüchten.

Auch seine Oma wusste immer zielgerichtet zu handeln. Sie war es, die ihn rettete, als er sich eine lebensgefährliche Blutvergiftung zuzog. – Fortsetzung folgt…

Bilder: Günther mit seiner Mutter Gertrud und den Brüdern Hans (links) und Heinz (rechts).

S. Peters

Ich stehe für zeitnahe Berichterstattung - regional stark, kompetent, informativ, mit Herz.

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