„Es gibt kein neues Leben im alten“

– Entlarvende Wortschwälle kontra scheinheilige Empörungsrhetorik –

Lobberich (sp). Bis auf den letzten Platz besetzt war die Werner-Jaeger-Halle, als Spitzenkabarettist Wilfried Schmickler, aus dem Stand sehr temporeich, scharfzüngig, eloquent, schelmisch, aber auch böse und pointiert, die Bühne enterte. „Deutschland im Aufbruch! Wo geht es hin? Wer darf mit? Und vor allem: Wann geht es endlich los?“, so gab der kluge Kölner adhoc philosophierend Gas, um das Publikum bis zur letzten Minute der Vorstellung messerscharf mit entlarvenden Wortschwällen zu umspülen. „Nostalgie-Trips in die Welt von Vor-vor-Gestern. Wenn möglich, bitte umkehren. Aber es gibt kein neues Leben im alten, und es gibt kein trautes Heim im untergegangenen Reich. Es gibt kein Zurück, und mit Fortschritt muss man mit, sonst gehört man aufs Abstellgleis!“

Der kreative Verbalakrobat bedankte sich zunächst, zum Beispiel bei all den fleißigen Ehrenamtlern und Mitarbeitern von Hilfsorganisationen, und er huldigte all denen, die den Nachwuchs auf die Spur bringen müssen: „Erzieherinnen! Ihr seid die Trümmerfrauen der Gegenwart!“ Antworten auf seine Fragen gab der brillante Wortschöpfer sogleich selbst, unter anderem durch eigens kreierte Neologismen. Es herrsche die FOBO, „the fear of being offline“, die größer sei als die Angst tot zu sein. „Denn wenn Sie tot sind, brauchen Sie keine Angst mehr haben, etwas zu verpassen“, sinnierte der geniale Kleinkünstler profund. Noch schlimmer jedoch sei die „Nomophobie“, die Angst davor, kein Smartphone mehr zu besitzen. „Amerikanische Wissenschaftler haben heraus gefunden, dass der gewöhnliche Smartphone-Besitzer dasselbe 2.617 Mal pro Tag berührt, um sich zu vergewissern, dass er es auch wirklich dabei hat.“ Es bekomme so mehr Streicheleinheiten als der eigene Lebenspartner, die Kinder und sämtliche Haustiere zusammen. „Wenn mir jemand im Restaurant mit Smartphone gegenüber sitzt und damit zeigt, dass ihm das Gerät wichtiger ist als ich, dann zeige ich ihm den Weg zur Toilette. Dann ist der Mensch dort, wo er sich am wohlsten fühlt – in der Einzelzelle.“

In solchen Momenten der vorgeführten Erkenntnis erntete der wahrhaftig wütende Wortakrobat viel Gelächter und Applaus; derlei Metaphern sorgten aber ebenso dafür, dass dem aufmerksamen Zuschauer eins ums andere Mal buchstäblich das Lachen im Halse stecken blieb. Nahtlos und temporeich setzte Schmickler mit Frontalangriffen auf die Sozialen Netzwerke fort: „Genauso funktioniert es mit facebook, weil die „User“ meinen, sie müssen der Welt einen Scheißdreck erzählen, der die Welt gar nicht interessiert.“ Das Netzwerk falle außerdem in die Kategorie kriminelle Internetmafia, „mit dem Ziel die Daten der doofen User zu stehlen und in einen möglichst dicken Batzen Kohle zu verwandeln; wobei von Stehlen nicht die Rede sein kann, denn die Datenlieferanten machen das ja alles freiwillig und haben nach eigener Aussage nichts zu verbergen.“ Jedoch komme kein Mensch auf die Idee, seine Haustür sperrangelweit offen zu lassen, brachte es der Kabarettist scharfsinnig auf den Punkt: „Bei einem Einbruch geht es letztendlich auch gar nicht ums Stehlen, sondern die Betroffenen werden von Albträumen verfolgt, weil Wildfremde in ihre Privaträume eingedrungen sind.“ Umso mehr erschreckend wirke es, dass es niemanden zu interessieren scheine, wenn digital und öffentlich in die intimsten Gedanken, Gefühle und Bedürfnisse eingedrungen wird.

Natürlich bekam bei Schmickler, dessen Vorstellung außerdem mit eleganten, demaskierenden Gesangseinlagen gewürzt war, auch die Politik ordentlich ihr Fett weg: „Seit Anfang Dezember ist Annegret Kramp-Karrenbauer mit nur knapp 52 Prozent die Bundesvorsitzende der CDU. Das kann doch nicht wahr sein! Früher wäre eine solche Wahl wiederholt worden.“ Angela Merkel bezeichnete er als lahme Ente in einem Hühnerhaufen, die bis zum Ende der Legislaturperiode durchmacht, Horst Seehofer mit seiner scheinheiligen Empörungsrhetorik als Großonkel der politischen Plattitüde, der fadenscheinig die Migration als Mutter aller Probleme in Deutschland sieht. Alexander Dobrindt repräsentiere den Dr. Mabuse der CSU, Christian Lindner (FDP) einen Eiertänzer, und die Große Koalition verhöhnte der vielfach ausgezeichnete Kabarettist als „eine der Untoten“. Jedoch giftete der 64-Jährige ebenso in Richtung Wählerschaft: „Dieselben Leute, die angeblich ihr Vertrauen in die Parteien verloren haben, wählen eine Partei, deren Propaganda gespalten wird aus Lug und Trug, aus Hetzte und Hass, aus Missgunst und Niedertracht! Nein Leute, da hört mein Verständnis auf. Die AfD ist eine Scheißpartei!“

Am Ende einer rasanten Reise durch einen sehr unterhaltsamen Abend, angeführt von einem erkälteten Wilfried Schmickler als genialem Ausnahme-Kabarettisten, hinterließ dieser folgenden Eindruck: Blitzgescheit, detailliert, hinterlistig, nichts beschönigend, impertinent und doch hoch poetisch – kurz gesagt: fulminant!

Weitere Informationen: https://www.nettetal.de/de/theater/karten-und-kartenvorverkauf/

Text und Fotos: Susanne Peters

S. Peters

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