Was ist mit Menschlichkeit?

– Groteskes Verhalten in einer Notsituation –

Grefrath/Kempen (sj/tp). Es ist der blanke Horror, wir alle kennen das: die Vorstellung, sich in einer Notsituation zu befinden und keine Hilfe zu bekommen. Genau das erlebte Manuel Semrau kürzlich, als er auf dem Heimweg zu seiner Frau nach Grefrath war.

Der junge Mann saß im Bus und fuhr in Richtung Kempen. „Es war sehr heiß, im Bus gab es keine Klimaanlage für die Gäste, und die Luft war extrem stickig. “ Am Kempener Bahnhof stieg der 29-Jährige aus, begann plötzlich zu hyperventilieren und fiel um. „Ich weiß nicht, was los war. Früher habe ich mal mit Asthma zu tun gehabt. Aber diese Attacke nach dem Ausstieg aus dem Bus kam wie aus dem Nichts, ich konnte nicht mehr richtig atmen, fiel um und bekam Krämpfe.“

Hilfe jedoch erhielt er zunächst nicht. „Rund 20 Leute standen in meinem nächsten Umfeld, sahen mich an und wieder weg, ein paar junge lachten sogar über mich.“ Semrau fühlte sich extrem hilflos und bekam Panik. „Dieses Gefühl ist schwer zu beschreiben, ich dachte nur: Warum hilft mir niemand?“ Schließlich kam ein älterer Mann vorbei, erkannte sofort den Ernst der Lage, brachte Semrau beherzt in die stabile Seitenlage und setzte umgehend einen Notruf ab. „Heutzutage hat jeder ein Handy, und ständig klebt der Blick darauf. Wenn es aber mal brenzlig wird, kommt kaum jemand auf die Idee, einen Notarzt zu rufen. Zum Glück hat mich wenigstens niemand gefilmt oder fotografiert. Ich dachte dann später: Wie mögen diese Menschen sich wohl fühlen, wenn ihre Mutter irgendwo liegt, oder sie selber, und niemand davon Notiz nimmt oder sich sogar noch über die Notsituation lustig macht?“ Vermutlich müsse gar eine Möglichkeit eingerichtet werden, über Whats App einen Notruf absetzen zu können, so meint er trocken. „Dann würde vielleicht mal jemand aus dem Stand reagieren.“

Von dem Verhalten seiner Mitmenschen ist der junge Mann sehr enttäuscht. Dem älteren Mann, der ihm sofort half, ist er sehr dankbar. „Ich selbst würde gar nicht darüber nachdenken, ich würde ebenfalls direkt helfen, wenn sich jemand in einer hilflosen Situation befindet.“ An seinen Retter denkt er ganz besonders: „Ich würde ihm gerne danken. Ich weiß, dass ich ihn während des Pendelns schon mal gesehen habe. Aber ich kenne ihn und seinen Namen nicht.“

Warum hat das Umfeld in einer offensichtlichen Notsituation gar nicht oder skurril reagiert? „Ich weiß es nicht, ich kann nur vermuten“, stellt Semrau fest, „ich bin Vater zweier Söhne, fünf und sieben Jahre alt. Ich bin immer im Gespräch mit meinen Kindern und erkläre ihnen auch, dass Hilfsbereitschaft unglaublich wichtig ist. Vielleicht versagt heutzutage vielfach die Erziehung, und die Bedeutung von Menschlichkeit gerät aus dem Sichtfeld.“

Eltern müssen sich vielleicht mehr Zeit für ihre Kinder nehmen, um mit ihnen zu reden und ihnen umgekehrt klar zu machen, dass sie selbst ja auch mal in eine Notsituation geraten können, in der sie dringend auf das sofortige Handeln Außenstehender angewiesen sind, meint er. „Das hat mit Menschlichkeit zu tun.“

Semrau ist froh und dankbar, dass alles gut ausging und ihm geholfen worden war. „Ich hoffe aber sehr, dass mir der ältere Herr noch mal über den Weg läuft oder den Artikel in der Zeitung liest. Es liegt mir sehr am Herzen, mich persönlich bei ihm zu bedanken.“

Text: Timo Peters und Susanne Jansen, Foto: Timo Peters

Susanne Jansen

Ich stehe für zeitnahe Berichterstattung - regional stark, kompetent, informativ, mit Herz.

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