Lernen auf Distanz in Nettetal

– Kinder brauchen Perspektiven und Begleitung –

Von Susanne Jansen

Nettetal. „Im ersten Lockdown ist Jitsi häufiger zusammen gebrochen,  deshalb sind wir auf Big Blue Button um gestiegen. Das funktioniert richtig gut und bietet viele Möglichkeiten“, berichtet Johannes Leenen über die zur Zeit genutzten Plattformen im Lernen auf Distanz. Als Grundplattform lasse sich Logineo ähnlich wie beim Präsenzunterricht gestalten. „Via Videophonie gibt es eine Begrüßung und Präsentationen; die Schüler diskutieren, man trifft sich im Plenum oder in kleinen Arbeitsgruppen. Auch Erklärfilme können hochgeladen werden. Das bietet eine Vielzahl von Möglichkeiten in der aktuellen Unterrichtsgestaltung“, resümiert der kommissarische Schulleiter des Werner-Jaeger-Gymnasiums zufrieden.

Zu Beginn des ersten Lockdowns habe es Nutzer gegeben, die Videokonferenzen sabotierten und für Abstürze sorgten. DabeiDieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Lennen-WJG.jpg habe es sich sowohl um Schüler als auch um Auswärtige mit Fantasienamen gehandelt. Leenen beschreibt schmunzelnd: „Wir haben diesen albernen Unfug grundsätzlich beendet, indem die Schüler nun von uns Passwörter bekommen, die von den Lehrern zurückverfolgt werden können.“

Natürlich sei der Schulalltag vom Elternhaus aus nicht immer leicht. „Gute Schüler sind immer gut; sie sind intrinsisch motiviert und kommen mit allen Erfordernissen zurecht. Bei den weniger Guten muss mehr Einfluss genommen und kontrolliert werden. Umso wichtiger ist es, dass sie weiterhin eine Struktur im Alltag erhalten“, erläutert Leenen. Hier sei, wie im Präsenzunterricht, der aktuelle Stundenplan mit seinen festen Zeiten von elementarer Bedeutung. „Wir werden auch in Zukunft niemals auf Präsenzunterricht verzichten können. Der Distanzunterricht ist eine gute Ergänzung; aber er bietet auch die Möglichkeit abzutauchen. Man hat die Schüler nicht im Blick, so wie im physischen Klassenraum. Hier fehlt einfach ein wichtiges Maß an pädagogischer Interaktion.“

Dazu kommt, dass manche Schüler nicht die adäquaten Endgeräte besitzen. „Wir haben vorher die Abfrage bei den Eltern gemacht. „Im vergangenen Jahr wurden I-Pads bestellt. Sie sind allerdings derzeit bei der Stadt Nettetal eingelagert, weil sie noch konfiguriert werden müssen. Dazu Bürgermeister Christian Küsters: „Sobald dies passiert ist, sind sie für die Schulen verfügbar.“ Mit dem Modell des Hybridunterrichts ist Leenen nicht glücklich. „Da sind die Kollegen sehr gefordert. Es ist auch zu erwarten, dass unser Netz das nicht aushält, wenn der Distanzunterricht nicht dezentral, sondern komplett von der Schule aus gestartet wird. Ein ständig zu befürchtender Netzzusammenbruch ist keine Perspektive“, stellt er fest und schließt: „Wir hoffen, dass der Unterricht spätestens nach Ostern und schnellstmöglich wieder in die Schule verlagert werden kann.“Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist 20210127_083930-scaled.jpg

„Es fühlt sich paradox an“

Für Leo Gielkens, Leiter der Gesamtschule Nettetal, fühlt sich die derzeitige Unterrichtsgestaltung paradox an. „Es ist nötig, auf Distanz zu bleiben. Aber Schulen sind ja auch Orte der Begegnung und des Austauschs. Unser derzeit vorherrschendes Schlagwort ist deshalb „Kontakt halten“. Dies müssen wir für Schüler unbedingt gewährleisten, und das funktioniert aktuell überwiegend auf dem digitalen Wege.“ Es gelinge recht gut, jedoch gebe es auch Schüler, denen die technische Ausstattung oder eine Internetverbindung fehle. Deshalb wurden so genannte Lern-Kontakt-Treffs (LEGOS) eingerichtet, so dass ausgewählte Schüler nach Absprache tage- oder stundenweise zur Schule kommen können. „Dieses Konzept ist eine gute Sache; wir haben es mit unseren Beratungslehrern und dem Team der Sonderpädagogen erarbeitet.“

Dieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Gielkens-Gesamt.jpgFür den Distanzunterricht wird unter anderem die Schulplattform IServe aus Braunschweig genutzt, die direkt Videokonferenzen ermöglicht. „Bereits während des ersten Lockdowns entwickelte sich sehr schnell eine Routine. Die Disziplin ist grundsätzlich sehr gut, auch die Eltern achten hervorragend auf deren Einhaltung.“ Der Stundenplan bietet das Raster, mit dem weiterhin gearbeitet wird, damit ein stabiler Tagesrhythmus, mitsamt Struktur, für die Schüler konform bleibt. „Das ist jetzt eine Art und Weise, wie wir arbeiten müssen, aber nicht wollen. Sie ist aus der Not geboren.“ Der digitale Unterricht sei eine gute Ergänzung und momentan nötig und sehr wichtig, aber generell wenig verheißungsvoll.

„Das Optimum ist immer noch der Präsenzunterricht. Ohne wird es auch in Zukunft niemals gehen.“ Gielkens rechnet noch mit großen Beeinträchtigungen bis zu den Osterferien. „Bis eine Immunität durch Impfung da ist, wenn überhaupt. Dann gibt es noch die Mutationsgeschichten, es fehlen medizinische Erkenntnisse. Wir wissen nicht, wie eine schnellere Übertragungsrate der Viren zu bewerten ist und so weiter.“ Da es bis heute keine validen Daten gibt, müsse auch im Schulbereich Vorsicht walten. „Wir tragen eine große Verantwortung und können nicht einfach die Pforten der Schule wieder öffnen.“ Auch er hofft, dass bald die IPads der Stadt Nettetal zur Verfügung stehen. „Aber eine Rettung aus der Gesamtsituation ist das natürlich auch nicht.“

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Kreativ im Distanzunterricht

Auch Joachim Sczyrba ist überzeugt: „Sehr guter Unterricht kann nur in der persönlichen Begegnung funktionieren. Im Präsenzunterricht findet vollständige Kommunikation statt, mit der Möglichkeit eines unmittelbaren Austauschs und einer gezielten individuellen Hilfestellung. Der digitale Unterricht ist lediglich ein Ersatz, der uns aktuell bestmöglich durch diese Zeit bringt.“

Die Kaldenkirchener Realschule nutzt die Plattformen Jitsi für Videokonferenzen mit Klassengruppen und Padlet zur Übermittlung von schriftlichen Aufgaben, die nach der Bearbeitung durch die Schüler von der Lehrkraft korrigiert werden. „Das schafft einen extrem erhöhten Arbeitsaufwand für uns alle. Ich selbst gucke mir jede einzelne, von den Kindern hoch geladene Arbeit an – quasi rund um die Uhr“, sagt der Leiter der Realschule. „Unser gesamtes Kollegium ist nicht nur kreativ, sondern bringt in großer Bandbreite vollen Einsatz: Die Lehrkräfte zeichnen mit viel Sorgfalt eigene Erklärvideos auf, die dann für Schüler hochgeladen werden, oder sie laden Erklärvideos hoch, die zusätzlich durch gut lösbare Aufgaben ergänzt werden.“

So sei auch Stefan Thomas besonders kreativ geworden: „Er hat während der Videokonferenz mit der Klasse ein eigenesDieses Bild hat ein leeres Alt-Attribut. Der Dateiname ist Sczyrba-Real.jpg Musikstück mit seinem Klavier gespielt. Dazu hat jedes Kind für sich zuhause gesungen, es aufgenommen und dann wieder hochgeladen.“ Die einzelnen Gesangsbeiträge schnitt der Musiklehrer dann so zusammen, dass es wie ein Kinderchor klang. „Dies ist nur ein Beispiel, wie kreativ, ideenreich und engagiert unsere Lehrkräfte die Technik, zum Nutzen und zur Freude der Kinder, anwenden, um die Situation kindgerecht zu gestalten“, berichtet Sczyrba lächelnd und fügt hinzu: „Der Präsenzunterricht fehlt aber. Die Kinder freuen sich natürlich alleine schon darüber, sich im Video zu sehen. Aber das ist nicht dasselbe! Der Unterricht lebt von ganzheitlicher Kommunikation, von Mimik, Gestik und persönlichen Gesprächen. Es gibt auch Schüler, die sehr dankbar sind, wenn man ihnen aus Anerkennung mal auf die Schulter klopft.“

Für die Eltern ist es mitunter sehr schwierig. „Sie sind es satt, da häufig mit dem Beruf jongliert werden muss. Sie würden die Kinder gerne wieder in die Schule schicken.“ Ein großes Problem sei dabei, dass die Fünftklässler und auch Grundschüler sich nicht selbstständig an den Laptop setzen und losarbeiten. „Sie müssen beaufsichtigt und an die Hand genommen werden. Das ist eine große Belastung für berufstätige Eltern. Aber nicht nur das. Ich beruhige auch Eltern, die sagen: Die Kinder verpassen doch die ganzen Unterrichtsinhalte. Wir wissen doch gar nicht, wie es ausgeht.“ Sczyrba  vermittelt den Eltern Gelassenheit: „Sechs Jahre Weltkrieg, danach haben auch Menschen wichtige Berufe übernehmen und ausüben können. Das Abitur wurde mal gekürzt und wieder verlängert. In der Geschichte finden wir weitere Beispiele. Wir können nichts ändern, die Kinder müssen in die Spur kommen und Perspektiven haben.“ Die Eltern finden es daneben aber auch spannend, den unterrichtlichen Prozess und die Vermittlung der Lerninhalte zu Hause mitverfolgen zu können, so Sczyrba.

Natürlich gibt es in der Realschule auch Schüler aus kinderreichen Familien, die keine digitale Ausstattung oder auch kein Internet besitzen. Für sie werden die Aufgabenstellungen vor Ort gemanagt. „Sie können sich Aufgaben in Papierform in der Schule abholen. Oben auf den Tischen ist für einzelne Klassen Material ausgelegt, unten befindet sich eine Abgabekiste mit Klassenummer drauf. Natürlich empfangen wir keine Massen, aber wer will, sollte kommen können. So bleibt niemand auf der Strecke. Wir hoffen, dass es spätestens nach Ostern regulär weitergeht.“ Auch hier wird sehnsüchtig auf die bei der Stadt Nettetal eingelagerten Ipads gewartet. “Ich halte die Augen und Ohren offen und bin sogar schon selbst losgezogen und habe bei einem Bekannten einen ausgemusterten Laptop abgeholt, um ihn einem Schüler persönlich nach Hause zu bringen. Als Schulleiter in dieser Art aktiv zu werden, wäre vor rund einem Jahr noch undenkbar gewesen”, stellt Sczyrba schmunzelnd fest.

Text: Medienagentur Niederrhein, Susanne Jansen

Fotos/Archivbilder: Julietta Breuer, Saskia Heyer und Susanne Jansen

Susanne Jansen

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