Helferinnen mit Herz


– Die Selbstständigkeit fördern –

Von Susanne Jansen

Im Mai erhielten zahlreiche Nettetaler die Ehrenamtskarte NRW für ihr herausragendes Engagement. Diesmal gratulieren wir Karolin Ververs recht herzlich und lassen sie gemeinsam mit zwei weiteren engagierten Ehrenamtlichen, Natalia Masley und Andra Wenzel, zu Wort kommen.

Kaldenkirchen. „Uns allen ist es wichtig, einfach zu helfen“, sagt Kaldenkirchenerin Natalia Masley strahlend, „dafür arbeiten wir in unserem Alltag als Berufstätige quasi doppelt so viel. Wir hören oft: Für so etwas habe ich keine Zeit!“ Im Trio herrscht jedoch Einigkeit: „Ich kann mir Zeit nehmen, wenn ich das möchte!“ Jeder könne im eigenen Umfeld mal nach links oder rechts gucken und ein bisschen mitanpacken, um durch kleine Gesten Großes zu bewirken.

„Ich bin schon seit 2015 ehrenamtlich dabei. Die Stadtverwaltung Nettetal hatte einen Aufruf gestartet, als die erste Flüchtlingswelle kam“, erzählt Karolin Ververs (42) lächelnd. Damals kümmerte sie sich um eine Unterkunft in Lobberich. Vor anderthalb Jahren, als die nächste Flüchtlingswelle aus der Ukraine anrollte, wurde im Hotel Zur Mühle eine Unterkunft für ukrainische Frauen und Kinder eingerichtet. Diese betreute sie gemeinsam mit Masley (47), geboren in Russland, und Andra Wenzel (46), die ursprünglich aus Litauen stammt. Die Drei lieben ihre Arbeit. „Für uns haben sich so auch viele bleibende Freundschaften mit Flüchtlingen entwickelt, die mittlerweile gesellschaftlich vollständig integriert sind. Das ist sehr schön!“

In erster Linie gehe es um menschliche Betreuung, Hilfe beim Ausfüllen formaler Anträge und Kommunikation mit Behörden sowie das Erlernen der deutschen Sprache oder auch Arztbesuche. „Anfangs haben wir viel gespielt, als wir uns noch gar nicht großartig verständigen konnten. Dabei haben wir natürlich viel gelacht“, berichtet Ververs schmunzelnd. Beim Spiel und geteiltem Spaß werde schnell das Eis gebrochen. „Auch gemeinsam gekocht und gegessen haben wir häufig. Uns war es wichtig, teilzuhaben und zu zeigen, wie man bei uns lebt.“

Die Helferinnen mit Herz sind sich einig: “Wir ergänzen uns prima!“ Masley arbeitet hauptberuflich als Musikpädagogin im Lobbericher DRK Familienzentrum. „Hier haben sich natürlich schon vor dem Jahr 2022 durch Flüchtlingskinder Kontakte ergeben. Ich habe auch noch Ukrainisch in der Schule gelernt und wollte nun noch mehr helfen, wie zum Beispiel durch freiwilligen Sprachunterricht.“ Anfangs sei es recht chaotisch gewesen, selbst auf Englisch war keine Verständigung mit den Flüchtlingen möglich, so lautet Ververs Erfahrung. Wenzel hingegen kann sich ebenfalls auf Russisch und Ukrainisch verständigen. „Beide Sprachen sind ähnlich.“ Mittlerweile gibt es jedoch ehrenamtliche Deutschkurse im Evangelischen Gemeindeshaus in Kaldenkirchen, das kostenfrei zur Verfügung gestellt wird.

Die anfänglichen Amtswege für die Integration der Flüchtlinge seien lang und nicht gut vorbereitet gewesen, so der Eindruck. „Zum Beispiel bei den Einschulungen:  Wir haben telefoniert und geschrieben, bekamen aber keine Antworten. Das Schulministerium sei überfordert, und man legte uns nahe, diese Behörde nicht auf direktem Wege zu kontaktieren.“ Eine Familie habe gar für ihr Kind ein halbes Jahr auf einen Platz in der weiterführenden Schule gewartet. „Schließlich ist sie in die Ukraine zurück gereist.“ Bei den Erstklässlern gestaltete es sich ähnlich schwierig. „Sie mussten erstmal einer Schule zugewiesen werden, und auch das dauerte lange. Jedenfalls haben wir selbst im Zuge der bürokratischen Herausforderungen viel gelernt“, versichern die fleißigen Frauen schmunzelnd.

Das Wichtigste sei die Fähigkeit, selbst im neuen Land kommunizieren zu können, so Masley. Die Umstände seien jetzt allerdings ganz andere als vor acht Jahren, betont Ververs. 2015 habe bei den Ukrainern deutlich der Eindruck vorgeherrscht, sich sofort gesellschaftlich komplett integrieren zu wollen. „Einige Menschen hängen sich sehr rein, manche beherrschen wiederum, nach mittlerweile anderthalb Jahren, immer noch nicht unsere Sprache. Die Frauen und ihre Kinder  sehen ihre Zukunft einfach nicht hier. Sie wollen zurück zu ihren Männern und Familien, machen sich Sorgen, wollen dass es ihnen gut geht, sie wollen am liebsten wieder in einer friedlichen Ukraine leben.“

Für die Kinder gibt es noch eine zusätzliche Herausforderung: Sie müssen zusätzlich zum deutschen morgendlichen Schulunterricht jeweils am Nachmittag am Distanzunterricht der Ukraine teilnehmen. „Der deutsche Schulbesuch wird dort nicht anerkannt. Dabei geht es nicht darum, was die Kinder jeweils gelernt haben. Stattdessen ist es für ihr Heimatland eine Voraussetzung, nahtlos den Landesunterricht, dem Alter entsprechend, wieder besuchen zu können. Das ist für eine Rückkehr sehr wichtig!“

Viele Ukrainerinnen und ihre Kinder seien mittlerweile schon wieder zurück in die Heimat gereist. Einige kamen erneut nach Deutschland, nachdem sie die Ukraine besucht hatten. „Wir motivieren auf jeden Fall alle Mütter mit ihren Kindern, unsere Sprache zu lernen. Es weiß ja keiner, wie viele Jahre sie noch bei uns bleiben. Ohne die Möglichkeit zur Kommunikation ist keine Selbstständigkeit möglich, alles läuft über die Sprache. Und was auch nicht zu unterschätzen ist: Jede Sprache ist eine Bereicherung fürs Gehirn.“

Die Selbstständigkeit werde schließlich vollendet, indem die freiwilligen Helfer wieder auf Distanz gehen, so Ververs. „Wir bieten jede Hilfe an, aber die Flüchtlinge müssen dann selber die Kurve kriegen. Natürlich können sie sich jederzeit melden, aber sie brauchen keine Rundumbetreuung mehr.“ Vor allem eines liege den drei Ehrenamtlerinnen sehr am Herzen: „Wir wollen nichts zurückbekommen. Unser Hilfsangebot ein Geschenk. Ohne Ehrenamt läuft in Deutschland sowieso nichts, es stellt eine wesentliche Säule für viele Bereiche dar. Wir würden uns freuen, wenn noch viel mehr Menschen sich beteiligen würden, und sei es nur für eine halbe oder drei viertel Stunde pro Woche, für Übersetzungen oder Sprachunterricht zum Beispiel. Jeder kann sich gerne bei der Stadtverwaltung melden, wir freuen uns sehr darauf!“

Weitere Informationen:

https://www.nettetal.de/de/dezernat2/einsatz-ehrenamt-in-nettetal/

Text und Foto: Medienagentur Niederrhein, Susanne Jansen

Titelbild: Bieten herzlich Hilfe zur Selbsthilfe (von links): Karolin Ververs, Andra Wenzel und Natalia Masley. Foto: Susanne Jansen