– Kommentar von Susanne Jansen –
Aktuell begegnet mir immer häufiger, hier und da, ob im Gespräch oder in den Sozialen Netzwerken, die Formulierung: „Wir scheinen in einer Matrix zu leben.“ Was soll das wohl bedeuten? Fast jeder kennt die gleichnamige, atemberaubende, oder besser „scheinbar“ identitätsberaubende, Hollywood-Filmreihe mit Keanu Reeves, so dass sich spontan Bilder im Kopf einstellen.
In der persönlichen Recherche lässt sich eine offizielle Definition, im mathematischen Sinne, entdecken: Eine Matrix ist eine rechteckige Anordnung von Zahlen oder anderen mathematischen Objekten, die in Zeilen und Spalten angeordnet sind. Man kann sie sich wie eine Tabelle vorstellen, die bestimmte Eigenschaften in der Mathematik hat, wie zum Beispiel Addition und Multiplikation. Wie könnte das auf die Realität übertragen werden? Stellen wir uns „die Matrix“ einfach als logisches Konstrukt vor, eine Schablone, die eine innere Dynamik besitzt und derart der anzunehmenden Logik miteinander Agierender, Einzelner folgt.
Viel spannender finde ich stattdessen jedoch die Frage: Was ist die Realität? Oder genauer: Was sind Realitäten? Genau das erleben wir jeden Tag: Realität ist das, was uns alle Sinne individuell vermitteln, ob optisch, akustisch, fühlbar, riechbar oder geschmacklich wahrnehmbar, wie wir emotional darauf reagieren und was unser Gehirn daraus macht. Persönliche Wahrnehmung und Interpretation ziehen sich wie ein roter Faden durch unser aller Alltag. Und ebenda erlebt ein jeder seine eigene Realität (potenzieller Tunnelblick?) innerhalb der kollektiven.
“Die Matrix” als eine Metapher zu einem Gedankenkonstrukt, so stellt sich eine meiner Ideen dar, spiegelt unter anderem eine Form der Entfremdung vom ursprünglichen Menschsein wider. Denn die Sinne, unsere menschlichen Sinne, sind täuschbar, die Aufmerksamkeit ist ablenkbar, wie zum Beispiel KI oder Zauberkünstler eindrucksvoll vorführen – die Energie folgt der Aufmerksamkeit und spielt mit Gefühlen. Ein exzellentes Beispiel lässt sich auch auf einen Mausklick in der Sparte Konsum entdecken: „Kunden, die dieses kauften, kauften auch jenes.“ oder „Kunden kauften dieses mit jenem und welchem zusammen“. Ich werde albern – oder ist das eher traurig? Nämlich so: „Interessenten auf einer Dating-Plattform sahen sich auch diesen und jenen Nutzer an – mit Fünf-Sterne-Bewertung.“ Diese Vorstellung finde ich nicht lustig, eher skurril. Aber abwegig?
Bei beiden Beispielen werden oberflächlich über die Sinne (Optik) Gefühle (extrinsisch motiviertes Bedürfnis, Sehnsucht, Belohnung) geweckt. Aber wer profitiert in Wahrheit davon? Sich das ehrlich zu beantworten, ist eine Sache der Perspektive – und der eigenen wahrgenommenen Realität. Die Menschheit erlebt zwar eine quasi objektive, gemeinsame Realität, zweifelsohne mit Schnittmengen in der Wahrnehmung. Aber was passiert aus der Meta-Ebene betrachtet? Hier werden weltweit ungefähr acht Milliarden subjektiver Perspektiven zusammengeführt. Ergibt das ein objektives Bild? Es gibt zweifelsohne Schnittmengen, aber im Kern bleibt es eine spannende Frage. Ich sinniere: Grundsätzlich kann der Ausdruck Matrix als Metapher die Form einer autonomen und fest im eigenen Geist verankerten Wahr-Nehmung widerspiegeln.
Noch ein sinnliches, scheinbar banales Beispiel aus der Ernährung: Ich hatte mal gelesen, dass es gesünder sei, griechischen Naturjoghurt zu essen als deutschen, er enthalte kaum Zucker, dafür zehn Prozent Fett, was nicht nur besser schmecke, sondern in dieser Konstellation auch gesünder sei, dazu komme hochwertigeres Eiweiß. Außerdem sei er im Original aus Schafs- oder Ziegenmilch hergestellt. So weit, so gut. Der deutsche Joghurt wird bekannterweise aus Kuhmilch gewonnen. Wichtig ist es auch, zu wissen, dass dort nicht deklarierter Kristallzucker beigemischt ist – nämlich gerade so viel, dass es nicht auf dem Becher dokumentiert werden muss. Dann begegnete mir also der Hinweis, der klassische deutsche Naturjoghurt sei besser durch griechischen zu ersetzen, mittlerweile gehöre dieser auch zum Angebot in den Discountern. Natürlich hat mich das, als Gesundheitsfanatiker, immer vielfältig investigativ motiviert, ganz besonders interessiert.
Gut gelaunt stand ich vor dem Frischeregal… und entdeckte, dass hier der Teufel noch nicht mal im Detail steckt, es muss nur richtig gelesen werden – und ich hatte selbst fast daran vorbei gesehen: Auf dem Becher steht „Joghurterzeugnis nach griechischer Art“. Es ist kein Joghurt nach griechischem Originalrezept, und dieser Joghurt ist ebenfalls aus Kuhmilch hergestellt. Auf der Verpackung ist in etwa der gleiche Zuckereigenanteil ausgewiesen, noch dazu sind zehn Prozent Fett enthalten. Die Hersteller befinden sich auf der richtigen Seite, denn sie schreiben ja „Erzeugnis“. Wir fallen hier also potenziell unserer eigenen Wahrnehmung zum Opfer, aber werden natürlich auch mindestens bewusst gelenkt oder auch durch Werbeversprechen irritiert. Denn gesünder als der herkömmliche Naturjoghurt ist ein Joghurterzeugnis nicht – ganz im Gegenteil. Zumal es in diesem Fall auch noch teurer ist und durch den höheren Fettanteil lediglich besser schmeckt, was dann wiederum zum Kauf verführt. Vielleicht wird der Kunde hier eher im griechischen Fachgeschäft fündig?
Diese Beispiele lassen sich auf zahlreiche Alltagsphänomene übertragen; derart schaffen wir unsere eigene “Matrix” – individuell und im Kollektiv. Warum also lassen wir uns bisweilen derart verwirren? Ich denke, weil wir ständig irgendwelche mehr oder weniger wichtigen Dinge im Kopf haben. Da ist es noch nicht mal von Nöten irgendeinen Hokus-Pokus oder Hollywood zu bemühen. Denn wir schaffen sozusagen unsere eigene, so genannte Matrix. An dieser Stelle ließe sich das Wort “Achtsamkeit” bemühen. Leider ist dieser ursprünglich gut gemeinte Begriff aus dem Buddhismus, meiner Meinung nach, überstrapaziert. Ich, als Niederrheiner, würde sagen: “Einfach bei allem, was man gerade macht, aufmerksam im bewussten Tun bleiben!” 😉
Text: Medienagentur Niederrhein, Susanne Jansen. Foto: pixabay




