…die Welt neu entdecken –
Von Susanne Jansen
Da liegt dieser Roman, mit dem wunderbar gestalteten Buchdeckel, im Schaukelstuhl. Schon länger wollte er gelesen werden, nun ist endlich die Zeit dafür. Das Buch aufgeschlagen und erwartungsvoll geblättert, Seite für Seite. Und dann, ein augenblickliches Abgleiten in ein anderes Universum, eine Welt, die voll und ganz umfängt – genau ab dem Augenblick, in dem man gefesselt zu lesen beginnt.
Nicht mehr im Hier und Jetzt, sondern auf einer inneren Erlebnisreise durch Emotionen und Kopf. Die Handlung entwickelt sich zum Sog, es entstehen großartige Szenarien, wunderbar in Worte gegossen. Vom Autor zu Papier gebracht, in schwarzen Lettern auf weißem Grund. Jedoch ist es der Leser, der die literarischen Erzählungen bildhaft, mit eigenen Vorstellungen lebendig befüllt – aufmerksam, sinnlich, außerhalb von Raum und Zeit. Vor seinem geistigen Auge tauchen Landschaften, Gesichter, Stimmungen, Epochen und Märchenhaftes auf, aus denen wunderbare Welten entstehen.
Eine Reise ohne Gepäck
Wer bereits als Kind genau das erlebt hat und heimlich mit der Taschenlampe unter der Bettdecke gelesen hat, trägt diese Leidenschaft oft ein Leben lang mit sich. Die Liebe zu Büchern, die für immer bleibt.
In ein Buch zu versinken, bedeutet, sich auf eine spannende Expedition zu begeben, die weder überfüllte Terminals noch Warteschlangen kennt, die sich jederzeit erleben und sich sogar als literarischer Trip zusätzlich mit auf Reisen nehmen lässt. Denn für ein Buch ist immer Platz.
Da ist der Krimi, dessen Handlung durch dunkle Gassen führt, ein historischer Roman, der vergangene Epochen auferstehen lässt. Oder stattdessen eine komische Geschichte, die mit jedem Umblättern aufs Neue erheitert. Ähnlich erfrischend wie unerwartete Sonnenstrahlen an einem tristen Tag. Und dann ist da dieser Zauber der Klassiker, der die Jahrhunderte überdauert und die Seelen zweier Erzähler unsterblich werden lässt.

Von Windmühlen und Weltliteratur
Den 23. April zum Welttag des Buches gekrönt zu haben, war für die UNESCO eine wohlüberlegte Hommage: Es ist der Todestag von William Shakespeare und Miguel de Cervantes, zwei Autoren, deren Werke bis heute nichts von ihrer Strahlkraft eingebüßt haben und natürlich zum Weltkulturerbe gehören.
Shakespeare, 1564 in Stratford-upon-Avon geboren, war Schauspieler, Theaterdirektor und Dichter in einem. Wer heute „viel Lärm um nichts“ macht, etwas als „faul im Staate Dänemark“ empfindet oder „Sein oder Nichtsein“ fragt, zitiert einen großen Autor. Wenn Prospero in „Der Sturm“ bekennt, seine Bibliothek sei ihm „Herzogtum genug“ gewesen, steckt darin mehr Wahrheit über Shakespeare als in jeder Biografie.
Cervantes hingegen führte ein Leben wie aus einem Roman: Er war Soldat, wurde in der Schlacht von Lepanto verwundet und verbrachte Jahre in algerischer Gefangenschaft. Auch aus diesen unmittelbaren Erfahrungen entstand sicherlich „Don Quijote“ – der erste große moderne Roman. Die Geschichte eines Mannes, der Windmühlen für Riesen hält und dabei mehr Würde zeigt als jene, die sich über ihn amüsieren. Ein Satz, der ihm, Cervantes, zugeschrieben wird, klingt bis heute wie eine leise Liebeserklärung an das Lesen: „Wer viel liest und viel reist, sieht vieles und erfährt vieles.“
Lesen macht glücklich
Was Cervantes poetisch formulierte, bestätigt heute die Forschung. Denn was Literatur mit uns macht, lässt sich tatsächlich messen: Lesen macht glücklich. Es setzt Endorphine frei, wenn wir uns gespannt in eine Geschichte fallen lassen. Zugleich formt es das Gehirn auf besondere Weise. Denn beim Eintauchen in Geschichten werden nicht nur Sprachzentren aktiv, sondern laut einer Studie aus dem Jahr 2025 auch Areale für Gedächtnis und Sinnverstehen, wie etwa der Hippocampus.
Kinder, so die Forscher, erleben Gelesenes zunächst noch auf ihre eigene Weise – mit eigenen Bildern und Stimmungen. Mit den Jahren rücken diese inneren Welten näher zusammen, bis Leser an ähnlichen Stellen lachen, stocken oder weiterblättern. Lesen schafft so etwas wie einen gemeinsamen inneren Raum.

Lesen Frauen anders als Männer?
Die Wirkung des Lesens mag universell sein, das Wie, Wann und Was hingegen ist es nicht. Nach der Allensbacher Markt- und Werbeträgeranalyse (AWA) des Instituts für Demoskopie Allensbach aus dem Jahr 2023, griffen in Deutschland rund 22 Prozent der Frauen mehrmals pro Woche zu Büchern, bei den Männern waren es knapp 15 Prozent.
Auch die Vorlieben bei den Genres gehen auseinander: Frauen sollen häufiger zur Entspannung und zur Unterhaltung lesen, während Männer Sachbücher mit historischem, politischem oder wirtschaftlichem Fokus bevorzugen. Wobei die Grenzen natürlich fließend sind: Ob eine Frau, die womöglich doch mit Begeisterung zum Wirtschaftssachbuch greift, damit heimlich ihren männlichen Anteil auslebt oder schlicht ihren Horizont erweitert, bleibt für die Wissenschaft vielleicht für immer ein Rätsel.
Über die Sinnlichkeit des gedruckten Buches
Ob Roman, Märchensammlung oder Sachbuch, ob zur Zerstreuung oder zum Nachdenken – allen Lesern gemeinsam ist ein Erlebnis, das schon vor dem ersten Satz beginnt. Denn das Buch in der Hand ist mehr als ein Textträger – es ist ein sinnliches Erlebnis. Der Geruch von Papier etwa, für den Buchliebhaber so schwärmen wie Weinkenner für einen guten Jahrgang. Sogar einen eigenen Namen hat dieses Phänomen: Bibliosmie, die Liebe zum Duft alter Bücher.
Dazu gesellen sich das Haptische, das Gewicht des Werkes, das leise Rascheln beim Umblättern. Genauso wie ein Buchdeckel, den wir aufmerksam betrachten, um bereits im Voraus den Bezug zur Geschichte herzustellen. Bücher erzählen auch etwas über ihre Besitzer: über Neugier, Welt und Leidenschaften und auch über Bildung. Wer beeindrucken will, stelle die anspruchsvolleren Werke des eigenen Bücherregals in Augenhöhe des staunenden Besuchers.

Bibliophile Kuriositäten erzählen Geschichten
Gerade diese besonderen Liebenswürdigkeiten sind es, mit denen nur das gedruckte Buch aufwarten kann, wie ein paar Kuriositäten belegen. Als eines der schwersten Bücher wird häufig ein 1961 entstandenes Werk mit Bezug zu Salvador Dalí genannt, das angeblich rund 210 Kilogramm wiegen soll. Das teuerste sei der Codex Leicester von Leonardo da Vinci, der 1994 für rund 30,8 Millionen US-Dollar an Bill Gates versteigert wurde.
Das erste, in Deutschland gedruckte Buch war eine lateinische Bibel, die Johannes Gutenberg in Mainz zwischen 1452 und 1455 herstellte. Doch noch zuvor, wurde das Diamant-Sutra aus China, entstanden im Jahr 868, also gut 600 Jahre früher, nicht zu Papier gebracht, sondern als Holztafeldruck hergestellt. Jahrhundertelang lag es verborgen in einer Höhle an der Seidenstraße, bis es im Jahr 1907 ein Archäologe wieder ans Licht holte.
Doch neben all diesen analogen Schätzen hat auch eine jüngere Spielart ihren Platz gefunden: das E-Book. Als praktische Ergänzung zum gedruckten Werk begleitet es die digitale Lesereise – vorausgesetzt, der Akku spielt mit. Am Meer mit Sandstrand ist ohnehin Vorsicht geboten, denn sonst kann die Lesereise schnell vorbei sein. Auf das sinnliche Erleben eines gedruckten Buches muss man hier ebenfalls verzichten. Hinzu kommt, dass die Augen, nach einer Studie aus dem Jahr 2024, am Bildschirm schneller ermüden, was sich durch angepasste Einstellungen immerhin abmildern lässt.
Was von uns bleibt
Das Lesen von Geschichten gehört zu einer langen Tradition. Vielleicht wartet auch die eigene darauf, geschrieben zu werden. Dazu bedarf es keiner hochtrabenden Ambitionen, ins Weltkulturerbe aufgenommen zu werden. Es ist nicht wichtig, ein erklärter Poet oder Exzentriker zu sein, um etwas zu erzählen. Jeder trägt eine faszinierende Geschichte in sich, die es wert ist, aufgeschrieben zu werden.
Da gibt es die persönliche Biografie, Erinnerungen aus der Familie oder auch besondere Ausnahmeerlebnisse. Ebenso verdienen es alte Familienrezepte, Kräutermischungen von der Großmutter oder die Erfahrungen aus einem langen Leben weitergegeben zu werden. Es muss ja nicht in den „Adelsstand“ der Weltliteratur erhoben werden – der Wert lebt vom Persönlichen. Vielleicht sind es nur ein paar Zeilen über das eigene Leben, etwas Lebendiges, das für die Nachfahren bleibt. So entsteht nicht nur Schrift auf Papier, sondern etwas von Herzen, das über Generationen hinweg weiterwirkt.
Text: Medienagentur Niederrhein, Susanne Jansen. Fotos: pixabay





