Nach 50 Jahren glücklich vereint


Von Susanne Jansen

Marianne Goers ist eine lieb gewonnene „alte Bekannte“. Leider sind wir uns noch nicht persönlich begegnet, aber ich habe vor einigen Jahren ihre Lebensgeschichte im GRAF vorgestellt, und es hat mir viel Spaß gemacht, mit ihr zu sprechen. Die damals 68-jährige fröhliche Powerfrau hatte eine bewegte Kindheit und wuchs in Lobberich auf. Mich beeindrucken der besondere Detailreichtum ihrer Erinnerungen und die herzerfrischende Art, mit der sie diese zum Besten gibt.

VERGANGENHEIT

Sehr früh durch Schicksalsschläge zu Vollwaisen gemacht, wurde ihr Bruder bei Verwandten untergebracht, sie selbst wuchs in einer Pflegefamilie auf, „einer sehr liebevollen und vor allem christlichen Frau, die an jedem Sonntag zum Hochamt gegangen ist; aber nicht, ohne vorher noch den Braten und die Rindfleischsuppe mit den leckeren Markbällchen aufzusetzen.“ Noch heute laufe der gebürtigen Lobbericherin, die in Leer lebt, das Wasser im Munde zusammen, wenn sie an diese selbst gemachten Köstlichkeiten denke. „Es waren insgesamt keine leichten Zeiten, aber uns ging es dafür sehr gut.“

An den Sonntagsnachmittagen wurde entweder im Haus auf der Breyellerstrasse oder in Hinsbeck bei Verwandten mit Karten gespielt, so genanntes „Tuppen“. „Nach Hinsbeck gingen wir mittags meistens zu Fuß, abends allerdings fuhren Pflegemutter und ich mit dem Bus, was ich immer sehr aufregend fand. Ich drückte meine Nase an den Scheiben platt und genoss die abwechslungsreiche Landschaft. In Hinsbeck bin ich dann meist zu den Hinsbecker Höhen gelaufen. Dieser Anblick war für mich, als kleines Mädchen, einfach überwältigend, und ich denke noch heute mit ein bisschen Wehmut an diese Augenblicke und die damit verbunden Gefühle zurück, wie auch an die intensive Zeit mit ihrer Pflegeschwester Berti und vieles mehr.“

Sehr gerne erinnere Marianne sich auch noch an das Jahr 1952, als sie das erste Mal bewusst einen Advent erlebte. „Ich war drei Jahre alt, und ich ahnte, dass an diesem Tag etwas ganz Besonderes passieren würde.“ Morgens besonders fein gemacht wurde sie im Kinderwagen zur Kirche geschoben. „Es war bitterkalt, und ich war heilefroh, dicke, selbst gestrickte Fäustlinge zu tragen und mich in die warme Wolldecke zu kuscheln.“ Viele Menschen saßen still in den Bänken der Kirche St. Sebastian. „Diese Erfahrung war für mich, als kleines Mädchen, etwas derart Gewaltiges, dass ich es heute noch vor mir sehe, mitsamt dem großen strahlenden Adventkranz an der Decke  – und höre: Wir saßen gerade eben in der Bank, als die Orgel ihren mächtigen Klang erschallen ließ.“ Nie habe sie etwas so erschreckend und zugleich Schönes gehört. Als die komplette Schar zu Ende gesungen hatte, sei das für sie wohl eine Art Startsignal gewesen. „Hell und glasklar ertönte ein stimmgewaltiges La, La, La, La aus meinem Mund. Mit stolz geschwellter Brust setzte ich schließlich an: Oh Tannenbaum, oh Tannenbaum, wie schön sind deine Blätter!“ Erst schwoll ein zögerliches Lachen auf, schließlich erschallte es aus allen Kehlen laut durch die ganze Kirche: „Oh Tannenbaum oh Tannenbaum, wie grün sind deine Blätter.“ Dieser Advent sei ihr bis heute in vollem Umfang unvergessen.

GEGENWART

Marianne ist mittlerweile 74 Jahre alt. Zu ihrem leiblichen Bruder Hartmut hatte sie 50 Jahre lang keinen Kontakt gehabt. „Ich habe oft an ihn gedacht, und durch Zufall erfuhr ich, dass er nach seiner Scheidung sehr isoliert und einsam lebte und einen Schlaganfall gehabt hatte. Da war für mich klar: Ich fahre sofort nach Lobberich und besuche ihn im Krankenhaus.“ Hartmuts Zustand sei ihr sehr zu Herzen gegangen. „Er konnte sehr schlecht sehen und hat bis heute auch nur noch rund 20 Prozent seiner Sehfähigkeit. Ich sagte ihm: Wenn du möchtest, würde ich dich gerne mal zu uns einladen.“ Marianne hatte selbst eine Operation vor sich und versprach, ihn nach der Reha abzuholen. In der Zwischenzeit habe sie noch Einiges organisiert, damit er sich zu Hause besser versorgen konnte.

„Nach meiner Reha habe ich ihn dann, gemeinsam mit meinem Mann, mit dem Auto abgeholt. Drei Wochen war er bei uns, in einem Dorf, mit gerade mal 20 Häusern und rund 50 Menschen“, sagt sie lächelnd. „Es gibt bei uns viele Tiere, deshalb habe ich selbst einen Tierschutzverein gegründet. Ich kümmere mich um 40 Katzen, die sich im Freien aufhalten, und 30 haben wir im Innenraum.“ Ihrem Bruder habe es sehr gut gefallen, so habe er nach drei Wochen furchtbar geweint, als er nach Hause musste.

„Ich habe natürlich gemerkt, wie schwer es ihm fiel, und mir ging es ebenso. Wir hatten sehr viel über unsere Kindheit gesprochen, und Hartmut konnte sich ja noch an Etliches erinnern; er war acht Jahre alt, als unsere beiden Elternteile gestorben waren und ich zwei. Auf dem Rückweg von Lobberich nach Leer habe ich dann im Auto furchtbar geweint.“ So kam sie zu Hause an, und ihr Mann habe spontan angeboten: „Hol‘ ihn zurück, er kann hier bei uns wohnen.“  Marianne habe sich unglaublich gefreut: „Ich war so froh, wir hatten ja 50 Jahre lang keinen Kontakt gehabt.“ Sie lächelt schelmisch: „So ganz stimmt das nicht, immerhin bin ich jedes Jahr zum Karneval nach Nettetal gefahren, um ihn als leidenschaftlichen Karnevalisten vom Wegesrand aus im Karnevalszug zu sehen.“ Acht Tage später nun habe sie ihren Bruder erneut mit dem Auto abgeholt, mitsamt Anhänger, zum Transport seiner persönlichen Sachen. „Nun hat er eine kleine gemütliche Wohnung bei uns und ist mit Pflegestufe drei gut bei uns versorgt.“

Marianne lacht. „Meine Freundin aus dem Schwarzwald ist schon vor ein paar Jahren ebenfalls zu uns gezogen, sie hat sich sehr für unsere Tiere interessiert und wollte sie gerne mit versorgen. Das heißt wir sind eine Art WG – und eine sehr lustige noch dazu!“ Besonders ans Herz gewachsen sei Hartmut der Hund, den Marianne ursprünglich aus einem „Todes-Shelter“ auf Kreta mitgebracht hatte. „Das ist sein absoluter Seelenhund“, schwärmt sie, „und wenn mein Bruder auch sonst nicht mehr viel kann, aber er geht dreimal am Tag, mit Hund und Rollator, 1,5 Kilometer ums Dorf, egal welches Wetter gerade herrscht. Ich bewundere meinen Bruder sehr. Wir wissen, dass er sehr krank ist, aber wir tun alles, um es für ihn so angenehm und schön wie möglich zu machen.“ Für sie sei es ein unglaubliches Glück, dass es eine solche Geschwisterliebe nach so vielen Jahrzehnten ohne Kontakt geben könne. „Die Lobbericher, die uns kennen und dies nun bei Nettetal aktuell lesen, werden sagen: Gott sei Dank! Denn sie wissen ja, dass ich jedes Jahr im Karneval hingefahren bin und ihm gewunken habe. Es hatte nie etwas gebracht, er musste erst sehr krank werden, damit sich offenbaren konnte, dass uns ein riesiges Missverständnis entzweit hatte und ich ihm nichts Böses getan habe.“ Desto dankbarer sei über die neue Chance und die gewonnene Zeit, die sie jetzt umso mehr genieße. „Wir leben hier alle schön zusammen und führen ein  sehr glückliches Leben. Es war damals um die Adventszeit, Ende November, Anfang Dezember, als mein Bruder und ich wieder zu einander fanden. Für mich ist das eine Art kleines Weihnachtswunder gewesen, so wie es sich gefügt hat. Dafür bin ich sehr dankbar.“

Text: Medienagentur Niederrhein, Susanne Jansen

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