Ein Herzensprojekt und viele Erinnerungen


Weihnachtliche Geschichten aus Breyell

Von Susanne Jansen

Breyell. „Es war uns immer eine Herzensangelegenheit, den Alten Kirchturm für die Bevölkerung und die Besucher des Naherholungsgebietes nutzbar zu machen“, sagt Ruth Rankers. Im Jahr 2000 waren die Instandsetzungsmaßnahmen begonnen worden, der Efeubewuchs entfernt, das Außenmauerwerk saniert und das Maßwerk aus Naturstein wiederhergestellt. „Es verstand nicht jeder, dass mein Mann und ich den Turm auch begehbar machen wollten. Wir wurden auch schon mal gefragt: Reicht es nicht, die Außenfassade zu erneuern?“, erzählt die Breyellerin, die den Vorsitz des Fördervereins Alter Kirchturm von ihrem verstorbenen Mann Reinhard übernommen hatte.

„Zunächst sah der Innenraum damals noch aus wie eine Baustelle, mitsamt Dreck und Taubenkot. Alles war kaputt. Als das Meiste beseitigt war, sagte mein Mann: Irgendwann müssen wir unseren Kirchturm doch auch mal präsentieren.“ Damals gab es noch den Christkindlmarkt in der Breyeller Fußgängerzone, so dass zur Besichtigung die Straße überquert werden musste. „Da hat sich dann niemand zu uns verirrt, wir hatten ja auch nichts zu bieten. Ein Nachbar hat uns dann seine großen, alten Krippenfiguren ausgeliehen, die wir dort aufgestellt haben. Wir haben uns daneben gesetzt, aber niemand kam.“ Das sei in den ersten Jahren schon sehr hart gewesen, so Rankers, „aber es war unser Herzensprojekt, und wir wollten einfach nicht aufgeben. Schließlich fanden wir auch noch einen Kessel fürs Glühweinkochen. So konnten wir wenigstens mit den paar Besuchern, die doch bei uns einkehrten, anstoßen“, erinnert sie sich schmunzelnd.

Als nach vielen Jahren schließlich, samt Innen- und Außentreppe, alles fertig war, kamen Begehungen, weihnachtliches Vorlesen und Weinproben hinzu sowie unterschiedliche Veranstaltungen übers laufende Jahr. Außerdem löste der Advent am Lambertiturm, von den Breyellern liebevoll Alter Lambert genannt, den Christkindlmarkt in der Breyeller Fußgängerzone ab, und die Besucherzahl stieg weiter. „Wir haben uns mit jedem neuen Jahr über das zunehmende Interesse gefreut, was natürlich auch zur Umsetzung neuer Ideen inspiriert. Deshalb bin ich auch froh und dankbar, genügend Helfer für die Organisation im Turm, gefunden zu haben, gerade jetzt, wo wir mittlerweile auch im Zentrum des weihnachtlichen Geschehens sind.“ So gastierte diesmal, neben der Vorleserin, anstelle der Lesepaten, ein professionelles Marionettentheater für Kinder, das an zwei Tagen mit kunterbuntem Programm unterhielt, worauf sich die Breyellerin bereits im Vorfeld sehr gefreut hatte.

Neben dem grundsätzlichen liebevollen ehrenamtlichen Engagement habe das Weihnachtsfest für sie allerdings immer schon einen wichtigen Stellenwert gehabt, so Rankers. Vor allem liebt sie es bis heute, Traditionen zu erhalten, wie sie es bereits in den Fünfzigern als Kind kennengelernt hatte und mit der Familie zusammen zu feiern. Sie erinnert sich: „Ich sehe mich noch im Alter von fünf Jahren in dem klassischen Miniwohnzimmer, und wir hatten einen recht kleinen Baum neben dem Tisch stehen. Damals waren wir, mit mehreren Parteien, provisorisch bei Verwandten untergekommen. Jahre später haben meine Eltern dann ein eigenes Haus gekauft.“

Sie habe noch genau die Zinkbadewanne vor Augen, wie sie zum üblicherweise zum Haushalt gehörte, und das Plumpsklo für mehrere Parteien, nebenan in der Scheune, erzählt Rankers lächelnd. „Da gibt es natürlich viele Dinge, die für mich untrennbar mit meiner Kindheit verbunden sind, und die ich mir bis heute zum Teil erhalten habe.“ Was sie zum Beispiel vermisse, seien spezielle weihnachtliche Leckereien aus den Traditionsbäckereien von damals. „Die gibt es nicht mehr, das war keine Massenware. Da gab es diese faltbaren Papierpfefferkuchenhäuschen, die ein paar schokolierte Brezeln enthielten oder diese kleinen Körbchen, mit bunten Früchten aus Marzipan. Die sahen so hübsch aus; man hat sich gar nicht getraut, sie zu essen“, sagt die Ehrenamtlerin schmunzelnd. Einmal hatte sie zum Fest ein Fahrrad geschenkt bekommen. „Ich weiß nicht, ob es neu war, das war auch gar nicht wichtig. Damals übernahm man so etwas aus der Nachbarschaft, und es wurde generalüberholt. Das war dann ein ganz tolles Geschenk!“

Besonders amüsiert erinnert sich Rankers an ein weihnachtliches Erlebnis mit ihrer sechs Jahre jüngeren Schwester. „Ich selbst war eine Leseratte, und meine Schwester hat gerne gekocht. Meine Mutter hielt mir immer die Standpauke: Du wirst nie eine Hausfrau! Wie willst Du mal eine Familie ernähren? Jedenfalls war meine Schwester noch sehr klein und hat mit der neuen Puppenküche gekocht, während die Familie zu Besuch gekommen war. Sie hat in einem Zinktopf mit Dosenmilch beträufelten Puffreis, aus ihren bunten Schächtelchen vom Kaufladen, erhitzt. Es hat unheimlich gestunken, mein Vetter und ich, wir haben uns beschwert, während meine Schwester einen Heidenspaß hatte!“ Der Geruch, sagt die Breyellerin lachend, liege ihr heute noch in der Nase, wenn sie daran denke, „heute dürfte man so etwas wahrscheinlich gar nicht mehr machen, mit dieser Rauchentwicklung.“

„Vieles ist heute anders“, sinniert die Vorsitzende des Fördervereins, die bereits mit 15 Jahren ihre Ausbildung begonnen hatte. „Früher haben wir uns als Schwestern, trotz des großen Altersunterschiedes, ein Zimmer teilen müssen, bis ich die Lehre begann. Das war eben so. Das Mobiliar war ein altes Schlafzimmer, das für uns Kinder grün gestrichen worden war. Gespielt haben wir sowieso draußen. Das eigene Zimmer war in erster Linie zum Schlafen da, und da, wo man sich gerade aufhielt, musste man immer leise sein. Heute ist es umgekehrt, da gehen die Kinder vor, im Sinne von lass‘ sie doch machen, lass‘ sie doch spielen. Vieles ist heute anders, aber die Erinnerungen an damals, die sind geblieben.“

Text und Foto: Medienagentur Niederrhein, Susanne Jansen

Titelbild: Ruth Rankers

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